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Loblied auf das AKW

0103090602.jpg13.07.2009 / Titel / Seite 1
Loblied auf das AKW
Rüdiger Göbel
Allen Störfällen und der immer weiter sinkenden Zustimmung der Bevölkerung zum Trotz haben am Wochenende gleich mehrere führende Unionspolitiker am Wochenende ein Hohelied auf die Atomenergie gesungen. Der Chor der AKW-Freunde will die Laufzeitbegrenzungen für die deutschen Atomkraftwerke vollständig aufheben. »Ob und wie lange ein Kernkraftwerk betrieben werden kann, sollten Ingenieure, Techniker und die Atomaufsicht entscheiden«, tönte Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) in der Bild am Sonntag. Krümmel sei »ein Kernkraftwerk, das dem Stand der Technik entspricht«, bekräftigte Oettinger. Er forderte, die Atomkraft sollte in Deutschland noch mindestens ein bis zwei Jahrzehnte genutzt werden. Nachdrücklich sprach sich Oettinger dagegen aus, ältere Atomkraftwerke vorzeitig abzuschalten: »Sicherheit ist keine Frage des Alters«, sagte der 55jährige der BamS. Dem gleichen Blatt vertraute er an, er würde gern in einer Band spielen. Oettinger beherrscht nach eigenen Angaben Blockflöte, Gitarre und Klavier, sein musikalisches Repertoire bewegt sich zwischen »Im Frühtau zu Berge« und Songs der Bee Gees – mit dem wird sonst seine 31jährige Freundin Friederike Beyer malträtiert, die »sich Mühe gibt, unsere schwäbischen Volkslieder zu verstehen«.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der nach eigenen Angaben »aus Rücksicht auf meine Umwelt« nicht singt, trommelte am Wochenende tapfer für die Atomwirtschaft: »Wir wollen alle politischen Laufzeitbeschränkungen aufheben«, erklärte er im Hamburger Abendblatt. Und dann rüffelte der stellvertretende CDU-Chef die AKW-Betreiber: »Die Dummheit der Energiekonzerne in ihrer Kommunikation ist kaum noch beschreibbar.« Unternehmen, die sich verhielten wie Vattenfall in Krümmel, würden »unfreiwillig selbst zu den größten Gegnern der Kernkraft«.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) wiederum forderte Vattenfall via Süddeutsche Zeitung auf, die Probleme in dem Störfall-Reaktor binnen kurzer Zeit zu lösen. Andernfalls solle dem Unternehmen die Betriebsgenehmigung für Krümmel generell entzogen oder ein anderer Betreiber gesucht werden. Ganz in Moll beklagte Beust, durch den Krümmel-Störfall sei es für die CDU »viel schwieriger geworden«, die Debatte über längere AKW-Laufzeiten zu führen.

Saarlands Umweltminister Stefan Mörsdorf (CDU) verlangte im Spiegel, Reaktoren vom Typ Krümmel beschleunigt abzuschalten und ihre Reststrommengen auf jüngere AKW zu übertragen. Weniger zaghaft ist da sein Kollege in Bayern. Umweltminister Markus Söder (CSU) schlug im gleichen Magazin vor, die Laufzeiten für alle Atomkraftwerke pauschal »um jeweils mindestens acht bis zehn Jahre« zu verlängern. Unbefristete Verlängerungen lehnte er aber ab.

Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Union wolle in Wahrheit auch den Neubau von Atomkraftwerken, auch wenn sie dies derzeit aus taktischen Gründen bestreite. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier warf der Union vor, als »Sprachrohr der Atomlobby« aufzutreten. In Krümmel wiesen AKW-Gegner am Sonntag auf die große Zahl von Leukämiefällen in der Umgebung hin. Für jeden der 19 Leukämiefälle, der in der Nähe des AKW aufgetreten ist, versenkten sie am Nachmittag beim Kühlwassereinlauf einen Stein in der Elbe.

»Mit jedem Jahr, in dem ein Kernkraftwerk länger läuft, vergrößert sich das Risiko«, konstatierte der Atomexperte Michael Sailer in der Berliner Zeitung. Laut einer Emnid-Umfrage für die Bild am Sonntag sind 72 Prozent der Deutschen dafür, ältere Atomkraftwerke sofort abzuschalten. Achtung Oettinger, Koch und Co.: Selbst 68 Prozent der Unionsanhänger sind dieser Meinung.

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